Seheinschränkung ist oft unsichtbar – Ausgrenzung nicht

Wenn man die Einschränkung nicht sieht, sieht man oft auch die Hürden nicht

Am 6. Juni macht der bundesweite Tag der Sehbehinderung auf eine Lebensrealität aufmerksam, die vielen Menschen kaum bewusst ist. Denn eine Sehbehinderung ist oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Die Herausforderungen, die damit verbunden sind, dagegen schon.

Nach Angaben von PRO RETINA Deutschland e. V. leben rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland mit einer Netzhauterkrankung, die im Laufe des Lebens zu einer schweren Sehbeeinträchtigung oder sogar zur Erblindung führen kann.

Für Betroffene bedeutet der Verlust von Sehkraft weit mehr als schlechter sehen zu können. Viele alltägliche Dinge werden plötzlich kompliziert. Der Weg zum Bus, das Lesen von Fahrplänen, das Einkaufen oder die Orientierung in unbekannten Gebäuden können zu echten Herausforderungen werden.

Unsichtbare Einschränkung, sichtbare Folgen

Gerade weil eine Sehbehinderung häufig nicht sichtbar ist, erleben viele Betroffene Missverständnisse. Außenstehende erkennen oft nicht, dass jemand Unterstützung benötigt. Manchmal reagieren Menschen deshalb ungeduldig oder verständnislos.

Dabei ist auch gut gemeinte Hilfe nicht immer hilfreich. Wer einen Menschen ungefragt am Arm zieht oder schiebt, überschreitet schnell persönliche Grenzen. Besser ist es, freundlich nachzufragen:

Kann ich Ihnen helfen?

Und wenn die Antwort Ja lautet, gemeinsam zu klären, welche Unterstützung tatsächlich gewünscht wird.

Barrieren entstehen oft im Alltag

Viele Hürden begegnen Menschen mit Sehbehinderung dort, wo andere sie gar nicht wahrnehmen. Fehlende Kontraste auf Schildern, schlecht lesbare Informationen, unübersichtliche Webseiten oder komplizierte digitale Angebote können den Zugang zu wichtigen Informationen erschweren.

Deshalb setzt sich PRO RETINA Deutschland e. V. für mehr Barrierefreiheit und gesellschaftliche Teilhabe ein. Mit Schulprojekten, Informationsangeboten und politischer Arbeit möchte der Verein das Verständnis für Menschen mit Seheinschränkungen stärken.

Miteinander statt übereinander reden

Ein wichtiger Wunsch vieler Betroffener lautet: Entscheidungen sollten nicht über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Menschen mit Behinderungen möchten von Anfang an beteiligt werden, wenn es um die Gestaltung von öffentlichen Räumen, digitalen Angeboten oder gesetzlichen Regelungen geht.

Denn Barrieren entstehen häufig dort,
wo über Betroffene gesprochen wird, aber nicht mit ihnen.

Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung

Der Tag der Sehbehinderung erinnert daran, wie wichtig Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme im Alltag sind. Oft braucht es keine großen Maßnahmen. Manchmal genügt ein freundliches Nachfragen, etwas Geduld oder die Bereitschaft, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen.

Eine inklusive Gesellschaft beginnt nicht erst bei Gesetzen oder Bauprojekten. Sie beginnt dort, wo Menschen einander respektvoll begegnen.


💡 Infokasten: So kannst du Menschen mit Sehbehinderung unterstützen

Viele Menschen möchten helfen, sind aber unsicher, wie. Dabei sind es oft die kleinen Dinge, die den Unterschied machen:

Sprich die Person direkt an und frage, ob Hilfe gewünscht wird.
✔ Greife niemals ungefragt nach Arm, Rollator oder Tasche.
Beschreibe bei Bedarf die Umgebung möglichst konkret, statt nur zu zeigen oder zu sagen „Dort drüben“.
✔ Stelle keine Fahrräder, Werbetafeln oder andere Hindernisse auf Gehwegen ab.
Hab Geduld, wenn jemand länger braucht, um Informationen zu lesen oder sich zu orientieren.
Denke auch digital mit: Gut lesbare Schriftgrößen, klare Kontraste und verständliche Strukturen helfen vielen Menschen.

Wusstest du schon?
Nicht jeder Mensch mit Sehbehinderung ist vollständig blind. Viele Betroffene sehen Farben, Umrisse oder Bewegungen, haben aber beispielsweise ein eingeschränktes Gesichtsfeld, starke Blendempfindlichkeit oder Schwierigkeiten beim Erkennen von Gesichtern.
Gerade deshalb werden ihre Einschränkungen im Alltag häufig übersehen.

Quelle: Pressemitteilung vom 01.06.26
PRO RETINA Deutschland e. V.
Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen

Text: © PRO RETINA Deutschland e. V.
Journalistisch überarbeitet für unsere Leser:innen.